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Neuigkeit
3. Juni 2026

12 Impulse für diskriminierungskritische Unterrichtsmaterialien

Unterrichtsmaterialien sind nie neutral. Sie entscheiden mit, welche Lebensrealität als normal gilt – und welche nicht. Wer in Bildern vorkommt, wer in Beispielen auftaucht, welche Familienformen gezeigt werden, wie über Herkunft oder Behinderung gesprochen wird – das alles sendet Signale an alle Schüler*innen im Raum.

Durch ein Sensitivity-Reading können Materialien kritisch auf Stereotype und Diskriminierung geprüft werden. Es geht also darum, Signale in Text und Bild bewusst wahrzunehmen und zu hinterfragen. Nicht als einmaliger Check, sondern als Haltung, die man immer wieder mitbringt.

BQN arbeitet seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Arbeit, Bildung und Antidiskriminierung, auch in Zusammenarbeit mit Schulen. Intersektional angelegt, geben wir unsere Expertise in Beratungen, Fortbildungsreihen und fachpolitischen Impulsen weiter – und achten dabei auf Praxisnähe und Anwendbarkeit.

Was das konkret für den Schulalltag bedeutet? 12 Impulse zeigen Möglichkeiten für diskriminierungskritische Unterrichtsmaterialien auf:

#1 – Das Material ist spannend: Schüler*innen können ihre Träume, Pläne, Kompetenzen und Potenziale mit Spaß und Neugier erkunden.

Beispiel: Das Material beinhaltet Farben und anschauliche Beispiele. Kreative Aufgaben regen Schüler*innen zur neugierigen Auseinandersetzung mit ihren eigenen Ideen an.

Warum das wichtig ist: Wenn Schüler*innen sich in Materialien wiederfinden und Freude am Lernen entwickeln, steigt ihre Motivation und ihr Selbstvertrauen. Ansprechend gestaltete Materialien signali-sieren: Deine Gedanken und Ideen sind willkommen.

#2 – Das Material kann selbst-ständig aber auch gemeinsam gelesen, besprochen oder bearbeitet werden.

Beispiel: Für die Wissensvermittlung werden unterschiedliche Zugänge und Methoden genutzt.

Warum das wichtig ist: Schüler*innen lernen unterschiedlich – manche brauchen Stille und Eigenzeit, andere profitieren vom Austausch. Materialien, die verschiedene Lernwege ermöglichen, fördern Inklusion und stärken sowohl Selbstständigkeit als auch soziale Kompetenzen.

#3 – Das Material nutzt eine Sprache, die alle Geschlechter einschließt.

Beispiel: Im Material werden geschlechtsneutrale Begriffe wie “Lehrkräfte” oder Formulierungen wie “Lehrer*innen” verwendet.

Warum das wichtig ist: Sprache prägt, wie wir die Welt wahrnehmen und verstehen. Materialien, die alle Geschlechter sprachlich einschließen, vermitteln Schüler*innen: Du bist gemeint, du gehörst dazu – unabhängig von deiner Geschlechtsidentität.

#4 – Das Material hat Bezug zur Lebenswelt der Schüler*innen und zeigt unterschiedliche Lebensrealitäten.

Beispiel: Es tauchen Bilder mit Alltagssituationen auf, z.B. wie Schüler*innen öffentliche Verkehrsmittel und Smartphones nutzen

Warum das wichtig ist: Wenn Schüler*innen sich in Beispielen und Bildern wiedererkennen, steigt nicht nur die Motivation. Es entsteht auch das Gefühl: Meine Realität ist hier gemeint. Das stärkt Zugehörigkeit und Lernbereitschaft.

#5 – Das Material ist aktuell im Hinblick auf Demokratiebildung und Medienkompetenz.

Beispiel: Das Material enthält Hinweise zum Umgang mit Fake News, rechten Symbolen und Sprache.

Warum das wichtig ist: Demokratie und kritisches Denken müssen aktiv geübt werden. Materialien, die aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen aufgreifen, bereiten Schüler*innen darauf vor, sich in einer komplexen Informationswelt zu orientieren und mündig zu handeln.

#6 – Das Material zeigt unterschiedliche Körperbilder.

Beispiel: Es werden Menschen unterschiedlicher Körperformen, Hautfarben und Bewegungsformen (z.B. im Rollstuhl) gezeigt.

Warum das wichtig ist: Wenn nur bestimmte Körper sichtbar sind, entsteht ein enges Bild davon, was als „normal“ gilt – und wertet dadurch andere Körper als “anders” und weniger wert (othering). Vielfältige Körperdarstellungen helfen Schüler*innen, ein positives Selbstbild zu entwickeln und Vorurteile gegenüber anderen abzubauen.

#7 – Das Material verbindet Herkunft nicht mit Vorurteilen.

Beispiel: Das Thema Migration wird nicht immer nur mit Armut und Schmerz verbunden.

Warum das wichtig ist: Migration ist Teil vieler Lebensgeschichten – mit all ihren Facetten: Entscheidungen, Hoffnungen, Neuanfängen, Herausforderungen und Erfolgen. Wird das Thema nur einseitig erzählt, entsteht ein verzerrtes Bild. Differenzierte Darstellungen stärken die Würde der Betroffenen und fördern bei allen Schüler*innen ein komplexeres Verständ-nis von Mobilität und Zugehörigkeit.

#8 – Das Material zeigt mehr als “normale” gesellschaftliche Beziehungen, Familien und Rollenbilder.

Beispiel: Es gibt Bilder von Schüler*innen, die in queeren Familien leben oder die alleinerziehende Eltern zeigen.

Warum das wichtig ist: Viele Schüler*innen wachsen in Familienformen auf, die in Materialien kaum vorkommen. Werden diese sichtbar gemacht, fühlen sie sich zugehörig – und alle Schüler*innen lernen, Vielfalt als selbstverständlichen Teil des Lebens zu begreifen.

#9 – Das Material stellt Menschen in Beruf und Arbeit nicht stereotypisch dar.

Beispiel: Es werden Schwarze Frauen in Berufen wie Ingenieurinnen und männliche gelesene Personen in Berufen wie Pfleger oder Erzieher gezeigt.

Warum das wichtig ist: Stereotype Berufsbilder engen die eigene Vorstellungskraft ein. Materialien, die Berufe vielfältig und ohne Klischees darstellen, hinterfragen gesellschaftliche Zuschreibungen – und laden Schüler*innen ein, ihre eigenen Potenziale unabhängig davon zu entdecken.

#10 – Das Material stellt Menschen aus benachteiligten Gruppen in aktiven Rollen dar oder in Situationen, in denen sie Entscheidungen treffen.

Beispiel: Menschen aus benachteiligten Gruppen stehen im Vorder-grund und/oder sind als Leitung erkennbar.

Warum das wichtig ist: Wer andere stets nur als Hilfsbedürftige wahrnimmt, verkennt ihre Handlungsmacht. Wenn marginalisierte Menschen als Akteur*innen dargestellt werden, die Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen, wird ein realistischeres und respektvolleres Bild vermittelt.

#11 – Das Material verwendet Selbstbezeichnungen.

Beispiel: People of Colour, Rom*nja und Sint*izze

Warum das wichtig ist: Selbstbezeichnungen erkennen das Recht von Menschen an, sich selbst zu benennen. Ihre Verwendung in Materialien ist ein Zeichen von Respekt und vermittelt Schüler*innen, dass Sprache Macht hat – und dass es darauf ankommt, wer spricht.

Eine kleine Auswahl an Glossaren, Quellen & Material zu Selbstbezeichnungen, die wir auch in unserer eigenen Arbeit verwenden:

#12 – Das Material zeigt Menschen aus benachteiligten Gruppen als stark und selbstbestimmt.

Beispiel: Ein unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter wird als selbstständig und handlungsfähig dargestellt. Er trifft eigene Entscheidungen, plant seine Zukunft (z. B. Ausbildung) und organisiert seinen Alltag. In Texten wird beschrieben, dass er Pläne macht. In Bildern wird er z.B. beim Ausfüllen von Formularen oder im Gespräch mit Lehrkräften gezeigt.

Warum das wichtig ist: Schüler*innen, die selbst Fluchterfahrungen gemacht haben, verdienen eine Darstellung, die ihre Stärke und Handlungsfähigkeit sichtbar macht. Und alle anderen lernen: Menschen mit Fluchtgeschichte sind Personen, die aktiv planen, entscheiden und gestalten – nicht nur Objekte von Fürsorge oder Mitleid.

Über Berlin braucht dich! NEO

Berlin braucht dich! NEO- Kompetenz-Netzwerk für empowernde und diskriminierungskritische Organisations- und Personalentwicklung“ ist seit 2006 im Bildungsbereich aktiv. Wir setzten uns besonders für (junge) Menschen mit Migrationsgeschichte und/oder Rassismuserfahrungen ein. Mit innovativen Methoden, fundiertem Praxiswissen und klarer antirassistischer Haltung arbeiten wir daran, bestehende Ungleichheiten abzubauen, so dass langfristig der Zugang zu Berufsorientierung, Ausbildung und Berufseinstieg und -aufstieg im Land Berlin strukturell verbessert und gefördert wird.

Das Projekt wird im Rahmen des Europäischen Sozialfonds Plus durch die Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung aus Mitteln der Europäischen Union und des Landes Berlin gefördert.